trichter

Besucherschweiß

1998

Portikus Frankfurt

1998

Auf allen musealen Oberflächen lagern sich Partikel der Daseinsrealität der Besucher ab: auf den Bildern und den Wänden dazwischen.

Es wird vorgestellt, daß sich die Anwesenheitsspuren eines Kunstpublikums auf Bildern und Wänden ablagern. Die Wandflächen zwischen den Kunstwerken werden als nutzbare Kondensatflächen betrachtet. Was an der Kunst vorbei geht, wird als Ausscheidung gesammelt. Dafür werden Kanäle in die Wände geschnitten und darunter Sammelgefäße befestigt.

Hintergrund

I
Zeitgenössische Kunstbetrachtung fußt v.a. auf Verstehen. Das Erleben wird als zu unbestimmt und daher niedere Rezeption angesehen. Die Freude am simultanen Erscheinungsbild/ an den u.U. bleibend widersprüchlichen Affekten wird zugunsten des Lesens und kausalen Zusammenfügens der Inhalte diskreditiert.
Aber: → Nicht zu verstehen ist die Grundlage des Erkennens.

Das Werk zum Dokument seiner Umstände zu erklären bzw. überhaupt zu erklären, verhindert sein überraschendes inneres Erscheinen im Moment des Erkennens eigener Anteile darin. Zudem entsteht über Das-zu-Wissende schnell eine hierarchische Beziehung zur wissenden Autorität; entsteht ein Wettbewerb des Besserwissens und im Betrachter die Angst unterlegen zu sein- eine unerträgliche Dominanz, die oft zu Unrecht dem Werk angelastet wird. Man entkommt den Kunsterklärern nicht. Sie schieben sich vors Bild. Die Angst, nicht zu verstehen, blockiert aber eine offene subjektive Annäherung. Die Überforderung schafft negative Gefühle wie Angst und Wut, die mit Abwehrhaltungen ausgeglichen werden sollen. Simplifizierung oder Spott sind da nur ein Weg der Befriedung. Auch Verehrung bis zum Zusammenbruch füllt die Lücke aus (Stendhal-Syndrom).

Die Abwehr fremder Deutungshoheit und die Not der Unterordnung verursachen also Streß- eine Bewährungssituation und mit bekannten somatischen Folgen: dem Austritt von Besucherschweiß. Ihn gilt es aufzufangen. Der Besucherschweiß lagert sich auf und neben der Kunst ab zusammen mit dem Staub, der eingebracht und aufgewirbelt wird.

II
Ein anderer Aspekt der Ablagerung auf Bildern ist die Projektion unserer Kenntnisse und Befindlichkeiten im Moment der Betrachtung. Bilder verändern sich durch ihr betrachtet werden. Man sieht nicht zweimal dasselbe Bild. Bereits Gesehenes legt sich als Interpretationsvorgabe darüber und verändert die Wahrnehmung wie ein Filter. Wir sehen keinen Cezanne mehr. Denn wir sehen keinen Cezanne mehr ohne Picasso zu kennen, was zur Entstehungszeit der Werke eben nicht so war.

Vielleicht sind die Trübungen und Verdunklungen alter Bilder nur die Schatten der Blicke, die in Jahren über die Bilder fielen.

III
Zuletzt sei noch bemerkt, daß die ursprünglich mit dieser Rindenschnitt-Methode gewonnenen Baumharze ein Grundstoff zur Herstellung von Lacken waren.

Entwurf

Essen, Museum Folkwang

viel Erklär - viel Ehr, Herr Direktähr

2012

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