trichter

Damoklesdübel

2005

Entwurf

Belastungsstudie

Sammlung

Leerstand

3/2008, Collage, 35x22,5

Lust und Last arbeiten gemeinsam gegen den Versagenswiderstand des Dübels.

Gezeigt wird ein Gebäudequerschnitt über zwei Ebenen. Die Legende vom "Schwert des Damokles" wird übertragen: ein Dübel mit definiertem Versagenswiderstand übernimmt die Schwachstelle, ein anhängender Betonklotz mit den Abdrücken der umgebenden Möbel verursacht Last und über dem Dübel erschüttert eine Luftgitarristin den Boden.
→ Last und Lust lockern gemeinsam das Feststehende.

Hintergrund

I
"Damokles war ein Höfling des jüngeren- wohl auch schon des älteren Dionysios von Syrakus (4.Jh. v. Chr.). Dionysios ließ ihn unter einem Schwert, das an einem Pferdehaar hing, alle Genüsse einer fürstlichen Tafel kosten. Daher wurde das Damoklesschwert sprichwörtlich für die im Glück stets drohende Gefahr.“

II
Die für Lampen bestimmte Tragkraft eines Dübels in der Stuckrosette wird dramatisch überzogen. Jeder Moment ist voller Ungewissheit über den tatsächlichen Halt jenseits der Berechnungen.
Der Auftritt der Luftgitarristin ist so unwirklich wie der am Lampenhaken schwankende wahnhaft überdimensionale Betonklotz. Der Beton bildet Möbeloberflächen ab, als wären die Wände dicht herangerückt: die ganze Last des Wohnens konzentriert sich über dem Ruhesessel. So fühlt sich einer als Zentrum der allseits drängenden Bedrohung durch das, was ihm angehört und zugleich abtrennt von draußen.
„Damoklesdübel“ handelt vom Verdacht der Unsicherheit des alltäglichen Refugiums, vom Zweifel am Zuhause. Das Haus als unbehauster Ort. Das Haus als täglicher Auftrittsort des Misstrauens in das Gehäuse. Gründe geben nach, Putze lösen sich ab und auf, Wände zerfallen. Aus Ritzen dringen der Pilz, der Dunst, das Salz, die sieben Plagen.
Die Risse im guten Gewissen der Statik vertreiben die Ruhe. Die Unruhe wird zum Beweis, daß etwas nicht stimmt: die Ruhe im Zuhause – nur Täuschung! Und je geschlossener die Oberflächen sind, umso stärker schwillt der Verdacht auf ein verborgenes Eigenleben. Ein Überlebenskampf gegen die schützende Höhle beginnt. Eine Obsession mit ungewissem Ausgang. Eine Obsession mit endlos wiederholter Ungewissheit. Als wäre das Innen ein vorgestelltes Außen, als könnte man nach getaner Arbeit in einem weiteren Innen ruhen, einem kommenden, ewigen Zuhause mit der Glorie des Sieges.
Aber: → Siege lassen neue Bedrohung entstehen.

III
Die Beobachtung verändert den Beobachter. Der Mensch in diesem Zimmer will auch mit Lust und Last rütteln, will selbst mit am Dübel rütteln – indem er seine Vorkehrungen trifft. Er will sich endlich gegenüberstehen und erschafft dazu eine Gefahrenwelt, um sich nicht in der realen Welt hinnehmen zu müssen. Es ist eine finale Wahnvorstellung. Das Wesenlose der Bedrohung steht in direktem Zusammenhang mit der Not, daran festhalten zu müssen. (Man kann oft nicht sagen, was Schlimmer ist: einen Gedanken zu finden oder an ihm festzuhalten.) Das Festhalten an der Frage behindert die Antwort. Der vom Wahn geplagte ist immer eine Schrecksekunde voraus. Und die kann manchmal lang sein.
Ruhen muß der Getriebene endlich doch – da bleibt ihm aber nur das Hinsinken an den Feind als finale Entspannung. „Wenigstens ein Bett überm Kopf“, denkt dieser Mensch zuletzt und wirft seinem Zimmer die Möbel zum Fraß vor.

die Stiefel der Luftgitarristin

Angst wohnt in der kleinsten Ritze

Es war einmal ein Mann, der hatte Angst. Denn Ritzen klafften in den Ecken seines Zimmers und verzweigten sich von dort endlos und immer feiner werdend. Haarrisse. Neben Fenster und Tür waren die Risse besonders breit. Am Schlimmsten schien ihm aber der unsichere Boden zu sein, auf dem er und und seine Möbel standen, denn der Boden besaß rundherum einen deutlichen Riß zur Mauer, beinahe schon eine Kluft. Es war schon seltsam, daß Widerwille ihn täglich mit aller Vorsicht in das Zimmer schob.
Zugleich fürchtete sich der Mann vor Ungeziefer. Seine Frau musste alle Bilder aus den Zeitungen heraus schneiden, auf denen Insekten und andere Kleintiere zu sehen waren, bevor er sie las. Sogar deren bloße Erwähnung in den Berichten musste sie entfernen. Verständlich also, daß er Riesenangst davor hatte, Ungeziefer könnte in den unzähligen Ritzen des Zimmers siedeln.
Eines Tages nahm der Mann seinen Mut zusammen, kaufte Spachtelmasse und begann die Risse und Ritzen zu schließen. Als er eine Woche später ins Zimmer kam, waren neue Risse in den Wänden aufgesprungen; ja die Spachtelmasse selber war fein aber deutlich gerissen. Das Knistern im Raum trieb ihn zur Eile weitere Spachtelmasse zu kaufen, obwohl es sein letztes Geld war, das er dafür hergab. Der Mann schloss nun erneut alle Risse und Ritzen in seinem Zimmer. Das Ergebnis war aber wieder das gleiche. Und wieder und wieder spachtelte er. Das Krachen der Wände bedrohte sein schweres Herz. Er borgte sich Geld, um mehr Spachtelmasse kaufen zu können und setzte sein Werk fort.
Die Polizei, die Monate später die Wohnung über ein Fenster erstieg, fand zwei abgemagerte Tote am Boden liegen und alle Ecken und Wandanschlüsse mit breiten Schrägen verspachtelt. Das Ehepaar hatte sein ganzes Geld zum Baumarkt getragen und war kümmerlich verschmachtet. 

→ Überall sind Ritzen und Löcher und haben kein Ende.

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