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Der Koffer von Köln

2009

2009, Düsseldorf, Hetjens- Museum

Fotografie: P. Bux/ G. Binsack
Abzug 78 x 120cm, Auflage 3 +1

2009, Düsseldorf, Hetjens- Museum

Vitrinenbeschriftung

BKA Präsentation der Tatmittel Dortmund

Wenn derzeit in Westeuropa an Islam gedacht wird, bestimmt Gewalt die Vorstellungen und nicht die davon geprägte Kunst. Wenn sich aber der europäische Blick auf die repräsentativen Gegenstände so geändert hat, müßten nicht auch die Museen ihre Sammlungen erweitern?

In den hiesigen Museen befinden sich Sammlungen mit Zeugnissen islamischer Kultur; oft schon vor Jahrhunderten angelegt. Sie dokumentieren die Stücke, aber noch mehr unsere europäischen Vorstellungen über diese Kultur. Diese haben die Auswahl bestimmt und z.B. einen repräsentativen Schwerpunkt auf die Ornamentik gelegt. Was unser Interesse fand ist aber nur Teil einer darüber hinaus nicht mittransportierten Wirklichkeit, die, gerade weil abwesend, als "magische Ferne" die Sammlungsstücke mit irgendeiner Exotik auflud. Auch ging es damals mehr um Völkerkunde als um Religion.
Die letzten Dezennien veränderten den europäischen Blick auf den Islam erheblich. Die Exotik ist verflogen. Man kann heute nicht mehr die Kunstwerke eines fremden Gestaltungssystems davon losgelöst betrachten, daß sich die religiös-kulturelle Bedingtheit der Entstehung der Form zugleich (im Extrem) über Attentate versucht zu artikulieren.
Auch ist es nicht mehr möglich, sich fremde Daseinsbedingungen fern weg zu halten oder distanziert auszuwählen, was von dort hier "paßt". Menschen aus islamischen Kulturen leben nebenan. Die Fragmente islamischer Kultur in den Museen werden nun durch das Leben der Immigranten vervollständigt.

Es geht hier um den europäischen Blick auf den Islam und um die geänderte Wahrnehmung des Fremden, die uns ebenfalls verändert, aber nicht um ihn selbst.


Hintergrund

I
Im Koran selbst gibt es kein Bilderverbot. Erst in der Überlieferungsliteratur des Hadit1 Mitte des 8. Jh. finden sich schriftliche Belege gegen bildliche Darstellungen.2 Mit diesen als Argumentationsgrundlage trifft die islamische Jurisprudenz seitdem rechtsverbindliche Aussagen zu bildlichen Darstellungen, z.T. mit graduellen Unterschieden zwischen skulpturalen und flächigen Ausführungen. Obwohl in sakralem Bezug Bilder vermieden werden, kann von einem absoluten Bilderverbot nicht die Rede sein, wie Beispiele der islamischen Kunst aus allen Jahrhunderten zeigen.
Hintergrund des Verbotes ist der in diesem Kulturraum verbreitete Glaube an die Identität eines Bildes mit dem Abgebildeten; eine schon vor-islamischeTradition die auch in der Antike eine Kulturgrenze bildete.

Für die Bilderfeinde gibt es nur zwei Verhältnisse zwischen den Dingen, Gleichsein oder Anderssein, während für die Bilderfreunde eine Teilhaftigkeit des Einen am Anderen möglich ist, auch wenn eine wesenhafte Identität nicht besteht3 Diese Ansichten zum Bild korrelieren mit entsprechenden Religionsauffassungen.4
Verbindet sich die polarisierende Grundhaltung des Ikonoklasmus mit fundamentalistischen Religionsauslegungen, wird den davon abweichenden Bildauffassungen unterstellt, gegen „grundlegende Gesetze“ zu verstoßen. Andere Traditionen des Bildgebrauchs akzeptieren diese Kläger nicht. Und so wurden die weltweiten Proteste gegen die Mohammed- Karikaturen, veröffentlicht am 30.9.2005 in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten, neben der Tatsache der Herabsetzung des Propheten mit der Verletzung des islamischen Bilderverbotes begründet. Weltweit reklamierten Muslime ganz selbstverständlich dessen Gültigkeit auch für Dänemark.

II
Um dem Konflikt zu begegnen, nahmen in der islamischen Kunst Schrift oder Zeichen den Platz der Bilder ein. Gerade die Hinwendung zu Ornamentik und Kalligraphie wurde und wird in allen Museen der Welt als repräsentativ für diese Kultur geschätzt.
Europa gab sich seit Mitte des 18. Jh. islamophil. Mit der systematischen Sammlung und Erforschung von Objekten aus islamisch geprägten Kulturen ging eine positive Vermittlung einher. Islamisches Leben blieb jedoch lediglich Teil von allgemeinen exotischen Vorstellungen jener Zeit. Dieser im Bilderverbot liegende Vorwurf an andere Bildauffassungen mußte nicht als Konflikt thematisiert werden und auch andere tiefgreifende Wertedifferenzen konnten offen bleiben, da nur selten so viel direkter Kontakt bestand, daß ein Abgleich nötig war.
In die Museen wurde aufgenommen, was die eigenen Vorstellungen illustrierte und durch Betonung des Fremden die Distanz bestmöglich wahrte. Man konnte aus der Ferne übernehmen, was man wollte; konnte sich ein Bild machen und die Realität vom Leib halten. Persische Briefe, Zauberflöte, Lawrence von Arabien, Kara Ben Nemsi- die muslimische Welt war pure Faszination.

III
Um sich bedroht zu fühlen muß man bereit sein; muß dem Drohenden Macht zugestehen.6 Das neue Bedrohungsgefühl verbindet sich m.E. mit einem diffusen Gefühlserbe von zweitausend Jahren Orient-Okzident-Konflikt. Es kommt mir vor, als warteten alle auf längst vergebene Stichworte.

Die Aufhebung der eigenen Distanzsicherheit fordert zu einer Beschäftigung mit den Hintergründen heraus. Eine Annäherung würde vor allem bedeuten, die Verdrängung nichtkonformer Inhalte aufzugeben und die Deckung der Ansichten nicht länger zur Bedingung zu machen. Man sollte das simultane Nebeneinander akzeptieren als komplementäre Grundverhältnisse, die nur bei gemeinsamer Anwendung einem  Gegenstand gerecht werden können.7

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1 Die Hadit- Literatur umfaßt die Überlieferungen von Aussagen Mohammeds (Anweisungen, Herausstellen nachahmenswerter Handlungen, Empfehlungen usw.), die im Koran nicht enthalten sind.

2 wie z.B. dieser: „Von demjenigen, der ein Bild macht, wird am Tag der Auferstehung verlangt werden, daß er ihm Lebensodem einhaucht. Das wird er aber nicht tun können.“ Zit. aus: Rudi Paret: Die Entstehung des islamischen Bilderverbots. In: Kunst des Orients, XI 1/2 (1976-1977), S. 162. Franz Steiner Verlag. Wiesbaden, Zitat- Quelle Wikipedia, Stichwort: Bilderverbot im Islam

3 In Bruchstück 2 der Schrift von Konstantin V. „Gegen die Verehrung der Bilder Christi“ wird z.B. postuliert, daß ein wahres Bild mit dem Gegenstand, den es darstellt, wesensgleich zu sein hat. Zitiert nach Antirrhetici II des Nikephoros in: G. Ostrogorsky: Studien zur Geschichte des byzantinischen Bilderstreites, Breslau 1929, S. 41

4 Die Bilderfeinde neigen zur Betonung einer göttlichen Einheit, während die Bilderfreunde eine hypostatische Verschiedenheit bei zugleich wesenhafter Einheit (z.B. die Dreieinigkeit) in ihren Ansichten integrieren können.

5 Bei diesen Protesten sind bereits weltweit über 100 muslimische Demonstranten ums Leben gekommen, wurden 18 christliche Kirchen zerstört und 823 Menschen verletzt. Quelle Wikipedia, Stichwort: Bilderverbot im Islam

6 Es sei in dem Zusammenhang an die Berichterstattung um die Absetzung der Premiere der Mozart-Oper „Idomeneo“ am 26.9.2006 in Berlin erinnert, die deutlich die Produktion von Angst noch vor einer Bedrohung dokumentiert.

7 „Das … Prinzip der Komplementarität ist eine Form, mit dem Widerspruch subtil umzugehen: Man führt zur Betrachtung der Welt simultan zwei komplementäre Blickwinkel ein, von denen sich jeder unzweideutig in einer klar verständlichen Sprache ausdrücken läßt und die beide, voneinander getrennt, falsch sin. Ihre gemeinsame Präsenz schafft eine neue, für die Vernunft unbehagliche Situation. Aber nur mit diesem konzeptionellen Unbehagen wird es uns gelingen, zu einer korrekten Darstellung der Welt zu gelangen.“
- Michel Houellebecq: Die schöpferische Absurdität in: Die Welt als Supermarkt, Hamburg 2001, S. 35

2009, gefaltetes Plakat A 3

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