trichter

Frenhofer

2004

Nicolas Poussin: Portrait du paintre E. Frenhofer

19. Jh
Ölfarbe auf Holz, 13,7 x 11,2cm
Succession de Mme H.Th. Markovitch

Nicolas Poussin: Portrait du paintre E. Frenhofer

verso

Nicolas Poussin: Portrait du paintre E. Frenhofer

19. Jh.
Ölmalerei auf Holz 13,7 x 11,2cm

Sammlung

Trotz der Gefahren für den Künstler, die aus den Risiken der Selbsttäuschung, der sozialen Isolation und dem Dissens zwischen Wahrnehmung und Bildauftrag kommen, bleibt Hingabe die wesentlichste Grundlage verbindlicher Arbeit.

Gegenstandist ein kleines Tafelbild in vermutlich zugehörigem Rahmen, das den Maler Edouard Frenhofer im Monat seinesTodes darstellt. Es handelt sich dabei um eine Kopie nach N. Poussin, die ins 19. Jh. datiert wirdund sich zuletzt im Besitz von Dora Maar befand, bevor das Bild aus deren Nachlaß 1988 von der Frenhofer Gesellschaft ersteigert wurde.
Das Portrait wird nun als Leihgabe in Kunstausstellungen integriert, um Frenhofer zu ehren und an seine kompromißlose Bildarbeit zu erinnern.


Hintergrund

I
Edouard Frenhofer, geb. um 1540, gest. April 1613, „EinzigerSchüler des Mabuse (Jan Gossaert), dessen Tradition der sogenannten‚Reliefmalerei‘ er fortsetzte. Bekannte Werke:Didorésiste le vice,HenriIV. entrée en La Rochelle,LaBelle Noiseuse.Suchte nach einer Malweise mit in den Raum übergreifenderLebendigkeit. Frenhofer war wegweisend für Poussin.“ Übers. nach Encyclopédiedes arts et métiers,Lyon 1964

"DieLücken des Baumes bestehen aus Teilchen von leuchtender Luft. Siesind kleiner als der Baum, und deshalb geht ihre Wahrnehmbarkeitschneller verloren als die des Baumes, aber daraus geht nicht etwahervor, daß sie nicht da sind."
L. da Vinci: Tagebücherund Aufzeichnungen,München 1952

"Die Schönheit wird wie ein Beben sein, oder sie wird nicht sein."
André Breton, Nadja, Leipzig 1985

Nur das nicht zu bewältigende Fragment enthält die ganze Kunst. Das fertige Werk ist für Idioten, die sich Kunst nicht vorstellen können und dafür ein Bild brauchen.

II
Frenhofers Spätwerk, gekennzeichnet von der Suche nach Abstraktion und dadurch höherer Wirklichkeit, wurde zu seinen Lebzeiten keinkünstlerischer Wert beigemessen. Dem radikalen Akteurstand keine entsprechende Kompetenz auf der Betrachterseitegegenüber. Frenhofersnur sich selbst verpflichtete Arbeitsweise, seine Suche nach demAbsoluten, führte ihn in unlösbaren Konflikt mit seinem rezeptivenUmfeld, welchen er nach Verwüstung seines Ateliers mit seinemFreitod beendete. Keines seiner Spätwerke ist erhalten geblieben –neben der Fremdheit und Verstörung, die seine Darstellungenerzeugten, sicher auch aus konservatorischen Gründen: Teil derrätselhaften Intention „zu malen, was wir atmen“, waren auchmaltechnische Experimente. So gibt es über ihn vor allemschriftliche Zeugnisse, etwa in der Chroniquescandaleuse von 1611die in erster Linie die Umstände seines Todes betreffen, und nurwenige anonyme Kopien seiner Bilder oder diese selbst.
Erst im Paris des frühen 20. Jhs. erfuhr Frenhofer durch die
Surrealisten die Aufmerksamkeit, die seiner Bedeutung entspricht.
ZumVerständnis von Person und Werk sei auf Balzacs trivialisierendeErzählung Dasunbekannte Meisterwerkverwiesen. 

Frenhofer ist der „frenetisch“ Schaffende – wie dasgriechische „phren“, Zwerchfell, in dem man den Sitz der Seelevermutete, andeutet.
Mit dem sogenannten "Frenhofer-Syndrom" werden die psychosozialen und somatischen Folgen einer totalen Ausgrenzung zusammen gefaßt, die dem visionären Mensch aus dem absichtslosglücklichen Durchleben seiner Wirklichkeit entstehen kann.

III
DasTafelbild selbst, ursprünglich deutscher Herkunft (am Rahmen verso bezeichnetmit „Nationalgalerie Berlin, Inv. Nr. 12“), gelangte unterunbekannten Umständen nach Frankreich. Es befand sich im 1998 vomAuktionshaus PIASA versteigerten Nachlaß von Mme. H. Th. Markovitch(Dora Maar) und wurde aus diesem erworben. Die direkte Herkunft istinsofern interessant, als hier Verbindungen zu Picasso bestehen. „Picasso zeigte auf ein Fenster in der Rue de Savoie 6 undsagte: ‚Da oben kommt Dora Maar vor Langeweile um. Ich werd ihrmorgen den Frenhofer bringen, der so wie ich Venusatome einfing.“aus: Jean Cocteau,Journal 1937–42,S. 53
DasPariser Anwesen, Rue des Grands Augustins 7, in dem Picasso sein Atelierbezog (und Guernicamalte) war rund 330 Jahre zuvor auch die Adresse des mit Frenhoferbefreundeten Malers Porbus gewesen. Es bestand somit zumFrenhofer-Mythos eine konkrete, wenn auch durch den Zeitabstand schwache Verbindung. Picasso und Maar kannten sie.
Frenhofersstreng nach Authentizität strebende Mission, das Neue in die Welt zutragen, erfüllt das prometheische Motiv des „Lichtbringers“. Dervon Göttlichkeit faszinierte Picasso nannte seinen Hund Kazbek. Es ist der Name des Felsen, an dem Prometheus litt.

IV
"Trotz der Gefahren für den Künstler, die aus den Risiken der Selbsttäuschung, der sozialen Isolation und dem Dissens zwischen Wahrnehmung und Bildauftrag kommen, bleibt Hingabe die wesentlichste Grundlage verbindlicher Arbeit."
aus dem Manifest der Frenhofer Gesellschaft

Einjüngerer Vertreter dieser ewigen Frenhofer-Bruderschaft, dem hier kurz aberangelegentlich gedacht werden muß, ist der Facteur von Hauterives(DépartementDrôme),M. Cheval, der von 1879 bis 1912 ein "Palais Idéal" in seinem Gartenerrichtete.Anlaß dafür war ein bizarr erodierter Sedimentgesteins-Brocken,über den er beim Austragen von Briefen stolperte. Das Glück der unvorhergesehenen Erfahrung.Mit diesem „Stein des Anstoßes“ – auf einen Sockel gehoben –krönte der Briefträger sein nach zwanzig Jahren fertiggestelltes Werk,der Natur zu Ehren. Er beschloß das Ensemble mit einer freistehendenTerrasse, um von dort das "Palais Idéal" ideal anschauen zu können.

______ Gangreserve

WIRLEBEN IN UNBESTIMMTHEIT.

WIRSIND ZWISCHEN ALLEM,

WASAUCH PASSIERT.

WIRSETZEN DIE MASSSTÄBE,

DIE,

FRÜHERODER SPÄTER,

DIEMASSSTÄBE SIND.

WEILWIR ALLES HABEN,

BRAUCHENWIR NICHTS.

WASMACHST DU IN DEINER HAUT?

DULÄUFST UND LÄUFST HERUM.

DUWIRST NIE BEKOMMEN,

WASWIR HABEN.

SELBST

WENNWIR ES DIR GEBEN.

WIRSIND SO GROSS,

DASSUNS NIEMAND SIEHT.

TRAGEN DIE WELT.

was ist war wirklich

2004

M. Cheval bringt den Stein des Anstoßes nach Hause

2013

test
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