trichter

Menetekel hinter Heizkörpern

2007

Menetekel hinter Heizkörper

2007


vergnügte Menetekel

2007

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Installationsansicht Galerie B2 Leipzig

August 2007

Der gesteigerte Sicherheitskonsum verdrängt die Kompetenz, Risiken zu erkennen.

Derbiblische Satz „meneh meneh tekel u pharsin“bildet unter anderem eine statistische Aussage: Viel > wenig >nichts. Eine Flächengrafik in drei Stufen mit ausgreifenden, geradenund eingezogenen Konturen, die jeweilige Tendenz anzeigend, wurdealsFormschnitt in einer steuerbaren Luminenzfolie ausgeführt und aufdie Wand geklebt. Davor wurde ein Heizkörper montiert. Das Leuchtenzwischen den Rippen pulst langsam.


Hintergrund

I
Dembabylonischen König Belsazar erschien das Menetekel als geisterhafteSchrift an der Wand, während er eine seiner beliebtenBunga-Bunga-Partys feierte. (AltesTestament, Daniel 5).Als einziger konnte der Prophet Daniel die Mehrdeutigkeit derZeichenfolge und dadurch deren Sinn erfassen. König Belsazar wurdein derselben Nacht umgebracht, sein Reich geteilt und den Medern undPersern gegeben.
„Menehmeneh tekel u pharsin“ ist aramäisch. Minen(Meneh) und Schekel (Tekel) waren Gewichte beziehungsweise Währungseinheiten; Pharsin stammt von „paras“ = scheiden ab. Der Prophet deutete das so: Das babylonische Königtum war einstmals Minenwert, später nur noch Schekel, und nun bist Du – Belsazar –bloß noch eine Scheidemünze, also Kleingeld. Da das Aramäischeeine Konsonantenschrift ist, können mit anderen Vokalen auch andereWorte gebildet werden wie: gezählt, gewogen, für zu leichtbefunden. In der jüdischen Vorstellung vom himmlischen Gerichtwerden die guten und schlechten Taten gewogen und ein entsprechendesUrteil gefällt. Wenn jemandem hier also etwas „fehlt“ (eineandere Übersetzung als „zu leicht“), dann fehlen die guten Tatenund er wird wahrscheinlich demnächst sterben.

DerBegriff „Menetekel“ wird bis heute in biblischer Bedeutung fürplötzlich erscheinende (oder wahrgenommene) Hinweise aufkatastrophale Ereignisse verwendet.

II
Esgibt keinen Grund, Menetekel heute weniger zu beachten als aufBelsazars Party. Anzeichen von Risiken verbinden sich mit dem Harmlosen, sieverbergen sich hinter Benutzeroberflächen, tarnen sich in denNahtstellen der Lebenskomplexität, werden unsichtbar hinter sicherenVorschriften, strenger Überwachung, heiligen Prüfsiegeln undfließendem Überfluss. Sie werden unlesbar wie das Kleingedruckte,dessen Vorhandensein schon beruhigt, weil offenbar an alles gedachtist.In den Wind geschlagene Warnungen umkreisen Heim und Herd.Irgendwannkommt das Unmögliche wie selbstverständlich zur Tür herein; wirdvielleicht sogar nach unserem Namen fragen. Wir müssen aber dannnicht erst fragen, wer da kommt.

DerBlickwinkel aus der Versorgungs-Bequemlichkeit, der gesteigerteSicherheitskonsum und das Fehlen eines natürlich gewachsenenVerhältnisses zu Risiken helfen, die Wahrnehmung der vorbestimmendenAussagen zu verweigern.

Überdas hier vorgestellte Bild hinausgehend ist noch anzufügen, daßsich wahrscheinliche Risiken hinter exklusiven Risiken, am besten solchen„höherer Gewalt“, verbergen. Man könnte da von Wunschrisikensprechen. „Sogar durch Blitzschlag, Elche, Erdnußallergien,Bienenstiche und ‚in Brand geratene oder geschmolzene Schlafanzüge’starben in jedem Jahr mit Ausnahmen von 1995 und 2001 mehr Amerikanerals durch Terroranschläge." (Steven Pinker,Gewalt).

III
StatistischeAussagen erweisen sich heute wie damals als Warnzeichen fürKatastrophen, die nur zur rechten Zeit gelesen werden müssen. Auchkommt es wie damals bei der Interpretation vor allem auf Polysemiean, um mithilfe der Bedeutungsunterschiede scheinbare Koinzidenzenaufzulösen und den Wahrheitsgehalt von Aussagen durch Umkreisen zu ermitteln. (Es gibt Tiere, die nur bewegte Objektewahrnehmen können. Um den Orientierungsmangel auszugleichen, bewegensie sich selbst.)

Ordnungist nur Ordnungsstreben. Aus dem mehrdimensionalen Ordnen vonBedeutungen kann trotzdem spontan ein Zugzwang gerinnen undüberraschende Handlung erzwingen – der Zugzwang ist Restrisikosgleichfalls ungeliebter Bruder. Plötzlichgeben die Börsendiagramme Ereignisse wieder, die zu keiner Erfahrungpassen, werden Paradies-Ressorts geflutet, wechselt das Rettende dieFronten und steht auf Seiten der Gefahr. Als Metapher, nicht nur inder Finanztheorie, für solche die Normalität aushebelndenEreignisse, steht der schwarze Schwan (Cygnusatratus),der vor 1697 in Europa nicht bekannt war. Nach seiner Entdeckung inAustralien war nicht nur die Gewissheit, dass alle Schwäne weißsind, dahin.

Entwürfe

2007

Schneidformen

2007

Rembrandt war ja nicht dabei!

2012

Belsazar und das Kleingedruckte

2012


Schwarzer Schwan

2012


Zimmer ohne Aufsicht

2002

Verkündigung

2005

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