trichter

Scheitern mit Lust

Seit 1996

Installationsansicht Städelschule Frankfurt

1996

Installationsansicht Galerie Kleindienst Leipzig

1997

Entwurf

1996

Druckwerkzeug

1996

Häufiges Scheitern am Mittelweg- doch die Bewegung wird fortgesetzt. Durch Wiederholungen unter wechselnden Kräfteverhältnissen markiert sich das Zentrum immer kenntlicher.

Zwei in verschiedene Richtungen weisende, sich ausschließende Ziele wie „Vorsatz“ und „Attraktion“ beeinflussen an jedem Punkt eines daran gebundenen Bewegungsmusters dessen Fortsetzung. Der resultierende Mittelweg, die „Ablenkung“, führt zum Abbruch der Bewegung an einem zentralen Hindernis. Trotz häufigem Scheitern am Mittelweg wird jedoch die Bewegung aufrechterhalten und durch wechselnde Kräfteverhältnisse das Zentrum des Scheiterns immer deutlicher. Links und rechts der Ablenkung öffnen sich die bodenlosen Winkel und dunklen Ecken der unbewußten Einflüsse, die uns auf die Jagd nach Mustern schicken.
→ Wir werden ständig von Dingen beeinflusst, von denen wir nichts wissen.

Hintergrund

I
Es wird für das Modell „Scheitern mit Lust“ angenommen, dass jeder Mensch einen ganz persönlichen, nicht ausgesprochenen, oft nicht benennbaren zentralen Attraktor mit hohem Gefühlspotenzial verbirgt, dessen Anziehung alle Vorsätze beeinflussen kann.
Als Attraktor können isolierte Affekte, Erinnerungsspuren, ungeträumte Realität und vieles andere wirken; Reste und Folgen von Entwicklungsvorgängen die mit bedingen, dass dieser zentrale Attraktor heimlich bleibt und kein offenbarer Teil der Lebensführung ist. In Reichweite bestimmter Ereignisse greift er plötzlich ein und verwirklicht sein Recht, sich in Erinnerung zu bringen. Da dieses Wirkzentrum zum Unbewussten gehört, bemerken wir seine Existenz häufig erst an sich wiederholenden Reaktionsschemata, bei denen dieser Attraktor plötzlich klare Absichten und Vorgaben zum Scheitern zwingt. Dieses Scheitern hat somit die hohe Funktion, ein sehr persönliches Kontaktmuster aufscheinen zu lassen.
Im Modell wird der Zugang zur zentralen Attraktion als Rettungsweg symbolisiert. Es handelt sich dabei im eigentlichen Sinne um das Überschreiten einer Schwelle ohne Wiederkehr. Die Auflösung der Verborgenheit, das Bekennen zur Attraktion, bedeutet eine Änderung der Lebenssituation. Daher ist die Furcht unsere Begleitung, wenn wir den Attraktor mit höchster Lust umkreisen.

II
Es wird für das Modell weiterhin angenommen, dass Vorsätze rational selbstbestimmter Herkunft sind und ein Mensch mit Bewegungsabsichten diese so verfolgt, daß er öffentlich-erwartbarem Verhalten (Konsens) entspricht. Eine Bewegungsabsicht setzt sich also bereits aus mehreren Bedingungen zusammen, und der Vollzug soll Annahmen über die Außenwelt und das Selbstkonzept bestätigen. Das ist kompliziert: Die konfirmative Bindung zur äußeren Instanz (durch Einhaltung des Konsens) ermöglicht eine rückversichernde Kontrolle der schützenden Grenzen der Handlungsfreiheit und zugleich trennt man davon den (selbstwertdienlichen) Glauben ab, diese dabei nicht aufzugeben.
Am Attraktor will so ein geschniegelter Vorsatz unbeschadet und unbemerkt vorbei kommen. Das kann er jedoch nicht, ohne zumindest heimlich seine Verbeugung zu machen.
Die Ablenkung ist das Resultierende, Neue im Kräftediagramm. Denn im Resultat seiner Handlungen entspricht ein (in diesem Modell gefangener) Mensch weder den offenbarten Vorsätzen, noch kann er sich verborgenen Attraktionen hingeben. Er scheitert am Mittelweg.
Den Kräften Attraktor und Vorsatz zwar immer fest verbunden, doch auf diese verschieden stark bezogen, wächst mit besserem Scheitern die Chance, eine Durchlaßstelle, eine „Pore in der Seelenhaut“ zu finden um Authentizität freizusetzen. Die Ergebnisse der immer verschieden gewichteten Machtbilanz schaffen Anhaltspunkte für eine persönliche Folgerichtigkeit, gelesen aus der Rückbetrachtung.

III
Vom Standpunkt des Attraktors aus erscheint der Vorsatz wie eine vorbeiziehende Enttäuschung. Der Vorsatz versteht den Attraktor als maßlose Übertreibung. Mit der Ablenkung haben beide ein Problem. Die Ablenkung hat Lust anzukommen, aber Angst vor dem Auftreffen, für das sie obendrein eigene Kräfte mobilisieren muß, will sie nicht zwischen Attraktor und Vorsatz hängen bleiben. Zwischen den Kräften ausgespannt und im Bemühen, weitere Konflikte zu verhindern, zehrt die Ablenkung sich auf.
Inwieweit häufiges Scheitern auch die Ausgangsbedingungen verändert, also Rückkopplungen stattfinden, wird in diesem sehr statischen Modell offen gelassen. Attraktor und Vorsatz könnten sich an die stetig wirkende Gegenkraft, die sie aufeinander ausüben, anpassen. Dazu kommt noch, dass das Ergebnis der Ablenkung sich als wichtiger erweisen kann als die ursprünglichen Ziele (Serendipity-Effekt).
Einem der Vektoren zu folgen, erschien zu Beginn der Überlegungen als sehr riskante Verschmelzung – mittlerweile scheint es, daß diese Geradheit sich als überhaupt weniger einträglich erweisen könnte. Es wäre möglich anzunehmen, daß Vorsatz und Attraktor sogar gemeinsame Sache machen und nur zum Schein eine Unveränderlichkeit und Unversöhnlichkeit vorweisen.

IV
Man kann sich die Funktion von Lebenswegen grundsätzlich in der Ausbildung persönlicher Muster vorstellen, einer Art guilloche humain (mit Interferenzen zu den Mustern der Lebensabschnittsgefährdeten). In ganz unverwechselbarer Weise werden Erlebnisse von ihren Folgen geziert. Ein neuer Sinn entsteht; ist kein Entgegenkommen, aber das Muster eine Antwort.

Formular für Zielbeschreibung

1996

Sammlung

Projektheft

2001


Angst im Rückspiegel

2012

Nachuntersuchung am Röntgenplatz

2012

Nachuntersuchung am Röntgenplatz

Am8. Juli 2012 wurde auf dem Röntgenplatz in Zürich das ProjektScheiternmit Lust als lebendiges Spannungsverhältnis geprüft. Für die Kräfte Vorsatz und Attraktionsowie deren Resultat, die Ablenkung, agierten Stellvertreter. Diese, im Kern ja familiendynamische, Triangularität war mit Gummiseilen in Bezug zueinander gesetzt. ImRücken der Attraktion lehnte die Tür des Zimmers, in dem ich inZürich lebte. Darüber mein stets  bewahrtes norwegisches Notausgangsschild
Es gab mehrere Durchgänge und die Stellvertreter wechselten ihre Funktionen. Die anschließenden Interviews führte ein Psychologe. Sie wurden von mir zusammengefügt.

DerVorsatz:

+:Was war das denn für eine Dynamik, Vorsatz?

V:Am Anfang war es schon sprunghaft. Dann ging es in eine gemächlicheKurve über, der Höhepunkt war da, doch dann trampte ich irgendwiein so ein Loch. Das Loch war ausgefüllt mit Instabilität. Ichverlor ein bisschen die Balance.

+:Wie ging es dir in dieser Situation?

V:Ich fühlte mich ausgebremst.

+:Ausgebremst heißt was?

V:Na, ich habe da eine gewisse Richtung vorgeschlagen, und in derfühlte ich mich ausgebremst.

+:Durch welche Kraft?

V:Ich kann nicht sagen, was für eine Kraft. Aber die bringt mich vomWeg ab.

+:Und wie geht es dir jetzt?

V:Irgendwie gelangweilt? Also ich hatte den Vorsatz eineGeißbock-Dynamik zu machen, und jetzt bin ich ein bisschenenttäuscht.

+:Siehst du denn, was bei der Attraktion passiert?

V:Die Attraktion sehe ich nicht, die geht mir voll aus dem Auge.

+:Und was glaubst du, wie es der Attraktion geht?

V:Ich glaube, sie hatte eine gute Zeit. Also die zog und zog und zog.Ja, das zieht an. Ablenkung hin oder her.

+:Und wie hat sich die Ablenkung gefühlt?

V:Och, wenn ich das wüsste. Ich mein: sie ist mit der Nase in die Wandgedonnert. Wie fühlt sich eine Ablenkung so? Keine Ahnung.

DieAttraktion:

+:Du als Attraktion, wie fühlst du dich mit diesem Verlauf?

At:Es ist eine ruhige Position. Mit der Ablenkung kann ich gut umgehen,die spickt da hin. Was mir schnell aus den Augen geht, ist derVorsatz.

+:Wie ist das für dich, wenn die Ablenkung immer an dir vorbei will?

At:Das beleidigt mich natürlich. Ich will, dass die Ablenkung zu mirkommt. Ich bin da schon enttäuscht. Die Ablenkung hat keinenBlickkontakt gewollt. Ablenkung gehört doch ein bisschen zurAttraktion.

+:Und was denkst du, wie die Ablenkung sich fühlt?

At:Die Ablenkung fühlt sich irgendwie ständig abgelenkt. Im Ende einbisschen gebeutelt durch den Zug und durch den Aufprall

+:Und sonst noch?

At:Wie ein Geißenpeter?

+:Sie fühlt sich wie ein Geißenpeter?

At:Vielleicht?

+:Wie fühlt sich ein Geißenpeter?

At:Ja, er will halt das Heidi, und das Heidi ist vielleicht der Vorsatz.

+:Und welche Rolle hat hier der Vorsatz für dich?

At:Der Vorsatz ist eigentlich das Wichtigste.

+:Und wie geht es dem Vorsatz? Glaubst du, der Vorsatz ist zufrieden,Attraktion?

At:Weiß ich nicht. Der ist mir aus dem Blick geraten. Also wenn ichVorsatz wäre – ich denke das brächte mich ins Schwitzen.

Ablenkung

+:Ablenkung, wie geht’s dir in deiner Situation als Ablenkung?

Ab:Gut! Ich bin gerne abgelenkt.

+:Was lenkt dich ab?

Ab:Sowohl der Vorsatz als auch die Attraktion.

+:Und was ist für dich stärker?

Ab:Die Ablenkung. Ääh: der Vorsatz.

+Der Vorsatz ist stärker als die Attraktion?

Ab:Ja, meistens. Schon. Also es gibt dann so einen blöden Mittelweg.Dann.

+:Wie hast du das erlebt?

Ab:Eigentlich spannend, weil ich völlig freies Spielfeld hatte.

+:Das heißt, du konntest entscheiden, wo du hin willst?

Ab:Nee, ich konnte nicht entscheiden. Ich ließ mich eher frei treiben.

+Ist das ein angenehmes Gefühl?

Ab:Sehr angenehm. Ich find das ist ein guter Mix zwischen Attraktion undVorsatz.

+:Ablenkung, was denkst du, wie fühlt sich der Vorsatz?

Ab:Der Vorsatz fühlt sich stark. Das spür ich. Der Vorsatz ist sehrdominant, weil er, die Ursprungskraft darstellt.

+:Und die Attraktion?

Ab:Die ist zu nachlässig.

+:Das heißt: nicht stark genug, die Attraktion? Du kommst ja nicht beiihr an.

Ab:Ja, bisschen, lazy. Die Attraktion ist hier eigentlich wie nahezuausgeschaltet. Sie war fast überhaupt nicht vorhanden. DieAttraktion gibt’s gar nicht.

+:Wie denkst du, wie sich die Attraktion fühlt?

Ab:Sie fühlt sich attraktiv. Ja wahrscheinlich. Denk ich mal. Das istbei den Attraktionen so.

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