trichter

Scheitern mit Lust

Seit 1998

1996, Städelschule Frankfurt

MDF, Dispersionsfarbe, 400 x 400 x 100cm

1997, Galerie Kleindienst Leipzig

MDF, Dispersionsfarbe, 300 x 300 x 100cm

Entwurfszeichnung


Druckwerkzeug


​Durch häufiges Scheitern am Mittelweg wird die Bewegung aufrechterhalten und durch wechselnde Kräfteverhältnisse das Zentrum immer kenntlicher markiert.​

Kurzbeschreibung
Zwei in verschiedene Richtungen weisende finale Ziele, „Vorsatz“ und „Attraktion“, liefern die Energien, die an jedem Punkt eines Bewegungsmusters dessen Fortsetzung beeinflussen. Der resultierende Mittelweg, die „Ablenkung“, führt zur (frustrierenden) Unterbrechung der Bewegung an einem zentralen Hindernis. Durch häufiges Scheitern am Mittelweg wird jedoch die Bewegung aufrechterhalten und durch wechselnde Kräfteverhältnisse das Zentrum immer kenntlicher markiert. Links und rechts der Ablenkung öffnen sich die bodenlosen Winkel und dunklen Ecken der unbewußten Einflüsse, die uns auf die Jagd nach Mustern schicken. Wir werden ständig von Dingen beeinflusst, von denen wir nichts wissen.
Hintergrund
I
Es wird für das Modell „Scheitern mit Lust“ angenommen, dass jeder Mensch einen ganz persönlichen, nicht ausgesprochenen, oft nicht benennbaren zentralen Attraktor mit hohem Gefühlspotenzial verbirgt, dessen Anziehung alle Vorsätze beeinflusst.
Als Attraktor können isolierte Affekte, Erinnerungsspuren, ungeträumte Realität und vieles andere wirken; Reste und Folgen von Entwicklungsvorgängen die mit bedingen, dass dieser zentrale Attraktor heimlich bleibt und kein offenbarer Teil der Lebensführung ist.  In Reichweite bestimmter Ereignisse greift er plötzlich ein und verwirklicht sein Recht, sich in Erinnerung zu bringen. Da dieses Wirkzentrum zum Unbewussten gehört, bemerken wir seine Existenz häufig erst an sich wiederholenden Reaktionsschemata, bei denen dieser Attraktor plötzlich klare Absichten und Vorgaben zum Scheitern zwingt. Dieses Scheitern hat somit die hohe Funktion, ein sehr persönliches Kontaktmuster aufscheinen zu lassen
Im Modell wird der Zugang zur zentralen Attraktion als Rettungsweg symbolisiert. Es handelt sich dabei im eigentlichen Sinne um das Überschreiten einer Schwelle ohne Wiederkehr. Die Auflösung der Verborgenheit, das Bekennen, bedeutet meines Erachtens eine vollständige Änderung der Lebenssituation. Daher ist die Furcht unsere Begleitung, wenn wir den Attraktor mit höchster Lust umkreisen.
II
Es wird für das Modell weiterhin angenommen, dass Vorsätze rational selbstbestimmter Herkunft sind und ein Mensch mit Bewegungsabsichten diese so verfolgt, daß er öffentlich-erwartbarem Verhalten (Konsens) entspricht. Eine Bewegungsabsicht setzt sich also bereits aus mehreren Bedingungen zusammen, und der Vollzug soll Annahmen über die Außenwelt und das Selbstkonzept bestätigen. Das ist kompliziert: Die konfirmative Bindung zur äußeren Instanz (durch Einhaltung des Konsens) ermöglicht eine rückversichernde Kontrolle der schützenden Grenzen der Handlungsfreiheit und zugleich trennt man davon den selbstwertdienlichen Glauben ab, diese dabei nicht aufzugeben.
Am Attraktor will so ein geschniegelter Vorsatz unbeschadet und unbemerkt vorbei kommen. Das kann er jedoch nicht, ohne zumindest heimlich seine Verbeugung zu machen.
Die Ablenkung ist das Resultierende, Neue im Kräftediagramm. Denn im Resultat seiner Handlungen entspricht ein (in diesem Modell gefangener) Mensch weder den offenbarten Vorsätzen, noch kann er sich verborgenen Attraktionen hingeben. Er scheitert am Mittelweg.
Den Kräften Attraktor und Vorsatz zwar immer fest verbunden, doch auf diese verschieden stark bezogen, wächst mit besserem Scheitern die Chance, eine Durchlaßstelle, eine „Pore in der Seelenhaut“ zu finden um Authentizität freizusetzen. Die Ergebnisse der immer verschieden gewichteten Machtbilanz schaffen Anhaltspunkte für eine persönliche Folgerichtigkeit, gelesen aus der Rückbetrachtung.
III
Vom Standpunkt des Attraktors aus erscheint der Vorsatz wie eine vorbeiziehende Enttäuschung. Der Vorsatz versteht den Attraktor als maßlose Übertreibung. Mit der Ablenkung haben beide ein Problem. Die Ablenkung hat Lust anzukommen, aber Angst vor dem Auftreffen, für das sie obendrein eigene Kräfte mobilisieren muß, will sie nicht zwischen Attraktor und Vorsatz hängen bleiben. Zwischen den Kräften ausgespannt und im Bemühen, weitere Konflikte zu verhindern, zehrt die Ablenkung sich auf.
Inwieweit häufiges Scheitern auch die Ausgangsbedingungen verändert, also Rückkopplungen stattfinden, wird in diesem sehr statischen Modell offen gelassen. Attraktor und Vorsatz könnten sich an die stetig wirkende Gegenkraft, die sie aufeinander ausüben, anpassen. Dazu kommt noch, dass das Ergebnis der Ablenkung sich als wichtiger erweisen kann als die ursprünglichen Ziele (Serendipity-Effekt).
Einem der Vektoren zu folgen, erschien zu Beginn der Überlegungen zu diesem Projekt als sehr riskante Verschmelzung – mittlerweile scheint es, daß diese Geradheit sich als weniger einträglich erweisen könnte. Es wäre möglich anzunehmen, daß Vorsatz und Attraktor sogar gemeinsame Sache machen und nur zum Schein eine Unveränderlichkeit und Unversöhnlichkeit vorweisen.
IV
Man kann sich die Funktion von Lebenswegen grundsätzlich in der Ausbildung persönlicher Muster vorstellen, einer Art guilloche humain (mit Interferenzen zu den Mustern der Lebensabschnittsgefährdeten). In ganz unverwechselbarer Weise werden Erlebnisse von ihren Folgen geziert. Ein neuer Sinn entsteht; ist kein Entgegenkommen, aber das Muster eine Antwort.

Formular für Zielbeschreibung

Digitalgrafik

Sammlung

Projektheft

2001, 6 Seiten, 15 x 12 cm, 5€+ Versandkosten

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